NRZ-Bericht: Hightech für das Ohr

 
 

Dieser Bericht erschien am 29.12.2017 in der Neue Ruhr Zeitung.
Originalbericht: nrz.de

WESEL.   Sie sind Hightech-Geräte mit der Leistung eines kleinen Computers – dennoch gelten sie als irgendwie peinlich und werden am liebsten dezent versteckt. Vor genau 65 Jahren wurden in Amerika die ersten transistorgesteuerten Hörgeräte angeboten – noch meilenweit von der heutigen Technik entfernt, aber damals ein enormer Fortschritt. Wer sich heute im Fachgeschäft von Frank Iserloh am Viehtor beraten lässt, stellt sehr schnell fest, dass es heutzutage aber auf sehr viel mehr ankommt als nur auf laute oder leise Töne.

Als die neuen Hörgeräte auf den Markt kamen, bedeutete das zwar eine große Erleichterung, weil sie im Ohr getragen werden konnten und eine bessere Tonqualität besaßen, verglichen mit den heutigen Geräten waren sie aber eher einfach gestrickt. Sie verstärkten alle Geräusche, egal ob erwünschte oder unerwünschte Klänge. Das ist heute zum Glück anders, erklärt der Hörakustiker-Meister: Moderne Geräte können zwischen Sprache und Hintergrundgeräuschen unterscheiden und letztere ausblenden. Das passiere bei Menschen mit gesundem Gehör im Gehirn automatisch, erklärt Frank Iserloh. „Jemand, der schlecht hört, verliert diese Fähigkeit“.

Die Wahl der richtigen Hörhilfe ist inzwischen eine aufwändige Angelegenheit: Zunächst wird die Hörfähigkeit im Bereich zwischen 125 und 8000 Hertz getestet. Dieser Bereich ist wichtig für das Verstehen von Sprache.

Verbindung mit dem Smartphone

Das gesunde Gehör erfasst Töne zwischen 20 und 20 000 Hertz, so Iserloh. Meist haben seine Kunden nicht in allen Bereichen eine Schwäche, am Anfang sind die höheren Töne betroffen. Die Folge: Die Menschen glauben, noch alles zu hören, können aber Worte nicht mehr richtig verstehen, weil Buchstaben verloren gehen. Hörgeräte, die einfach alle Töne verstärken, helfen daher nur bedingt. Moderne Modelle haben mehrere Kanäle, so genannte Frequenzbänder, erläutert Frank Iserloh. So können die von der Schwäche betroffenen Bereiche gezielt verstärkt werden.

Die Bandbreite der Geräte ist groß, wie der Hörakustiker erklärt. Die von den gesetzlichen Kassen bezahlten Modelle kosten 700 Euro pro Stück, nach oben gibt es bis zu einer Preisklasse von 2500 Euro viele Varianten. Der Unterschied: Während die günstigen Modelle vier Kanäle aufweisen, haben teurere Geräte bis zu 48 Kanäle – und je feiner die Töne aufgeteilt werden, desto besser kann das Gerät an die individuelle Schwäche angepasst werden. Welches Modell ein Kunde braucht, hänge von seinem Alltag ab, so Iserloh. Wer viel zu Hause sei und nur den Fernseher verstehen möchte, komme schon mit einer einfachen Variante klar. Nicht jedoch Personen, die häufig in Gesellschaft oder in wechselnder Umgebung sind.

Obwohl die Kundschaft von Frank Iserloh zu 90 Prozent älter als 70 Jahre ist, werden auch gerne Geräte genommen, die sich zum Beispiel mit einem Smartphone verbinden lassen. So können Nutzer ihr Hörgerät fernsteuern oder es als Freisprecheinrichtung beim Telefonieren gebrauchen. Einige Modelle lassen sich mit dem Fernseher verbinden, so dass der Ton direkt ins Ohr übertragen wird.

Kleine Geräte, kleinere Leistung

Auch äußerlich können die kleinen Helfer stark variieren: Die kleinsten Hörgeräte sind buchstäblich nur noch ein Knopf im Ohr, der für Außenstehende unsichtbar bleibt. Bei diesen feinen Geräten muss der Nutzer über reichlich Fingerspitzengefühl verfügen, zum Beispiel beim Batteriewechsel. Und: Kleine Geräte haben auch eine geringere Leistung.

Trotz aller Technik: Schwerhörigkeit gilt für viele immer noch als Makel. Menschen, die merken, dass die Töne langsam schwinden, warten im Schnitt fünf bis sieben Jahre, bis sie sich ein Gerät verschreiben lassen, weiß Frank Iserloh.

 

Beitrag: nrz.de, Fotos: Rocktician/iStock